Reiki und Psychotherapie

„Der Urgrund aller Arznei ist die Liebe.“

Dieses Zitat stammt von Paracelsus, einem berühmten Arzt aus dem 16. Jahrhundert. Sowohl Reiki als auch Psychotherapie lassen sich in ihrer Wirkungsweise leicht auf dieses zugrunde liegende Prinzip zurückführen und so liegt es nahe, die Gemeinsamkeiten und auch die Berührungspunkte zu betrachten, an denen sie sich gegenseitig ergänzen und bereichern können.

Wenn wir Reiki praktizieren, dann werden wir zum Kanal, der die heilende Kraft der göttlichen Liebe zum Klienten bringt. Dies tun wir umso besser, je mehr wir selbst hinter dieser Kraft zurücktreten und dem Göttlichen Raum geben können. Wie aber wirkt Psychotherapie? Vielfach begegnet man hier Berührungsängsten, der Befürchtung, in der einen oder anderen Weise manipuliert zu werden oder bei Kontakt mit ihr als „verrückt“ abgestempelt zu werden. Tatsächlich aber stoßen wir bei näherer Betrachtung z.B. der therapeutischen Gesprächsführung nach Carl Rogers auf die Bedeutung von einfühlendem Verstehen, Wertschätzung und Echtheit. Diese liebevolle Annahme des Klienten, so wie er ist, hat sich mittlerweile über die verschiedenen Psychotherapierichtungen hinweg als wichtige und den Heilungsprozess fördernde Haltung etabliert. Was aber ist dies anderes als ein (menschlicher) Ausdruck der göttlichen Liebe? Ich möchte behaupten, dass jede Art von Therapie nur in dem Maß erfolgreich sein kann, in dem sie in der einen oder anderen Weise in dieser göttlichen Liebe verankert ist.

Dies stellt uns aber sehr schnell vor die Frage, wie wir als normale sterbliche Menschen jemals solchen hohen Idealen gerecht werden können. Wenn wir ehrlich mit uns sind, werden wir diese Frage wohl alle mit einem „nie vollständig“ beantworten müssen. Aber hier haben wir den großen Vorteil von Reiki: Es ist nicht nötig, all diese göttlichen Eigenschaften vollständig und perfekt in uns selbst zu verkörpern, denn wir wissen ja, dass wir bei Reiki nicht unsere eigene Energie auf den Klienten übertragen, sondern lediglich Kanal sind. Wir müssen, um ein guter Behandler zu sein, nur in der Lage sein, ganz hinter Reiki zurückzutreten und alles Wirken dieser Kraft zu überlassen.

Wenn das so einfach wäre, dann wäre der Artikel an dieser Stelle zu Ende. Wer aber kennt nicht den manchmal problematischen Umgang mit Klienten außerhalb der eigentlichen Behandlung oder die eigenen Schwierigkeiten, mit bestimmten Reaktionen beim Klienten oder auch bei sich selbst umzugehen. Nach meiner Erfahrung stoßen wir bei der Anwendung von Reiki sehr oft auch auf solche psychologischen Probleme. So kommt es, dass es häufig doch nicht reicht, alles Reiki zu überlassen, sondern auch eigenes Wissen über die Grundzüge der Psychologie und der Gesprächsführung nötig sind.

Beispielsweise hört man häufig von Reikipraktizierenden dass sie „negative“ oder „schädliche“ Energie vom Klienten aufgenommen hätten. Wie kann das sein, wo wir doch alle gelernt haben, dass Reiki uns vor solchem schützt? Vorausgesetzt, dass die Einweihungen korrekt waren, ist es aus psychologischer Sicht denkbar, dass die Lebensthemen des Behandlers mit denen des Klienten in Resonanz gegangen sind. Das heißt, eigene unbearbeitete und vielleicht auch verdrängte Themen wurden durch ähnliche beim Klienten „geweckt“ und möchten nun gesehen und bearbeitet werden. Da es immer gute Gründe dafür gibt, bestimmte Themen und Konflikte zu verdrängen, kommen mit ihnen nun auch die unangenehmen Gefühle und Erinnerungen mit ans Tageslicht. Dies sind aber die eigenen des Behandlers und nicht die des Klienten! Wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir bei jeder Behandlung selber Reiki empfangen und dabei Heilungsprozesse angestoßen werden können, die gelegentlich ähnlich einer Erstverschlimmerung Symptome oder Beschwerden zunächst verstärken. Im Umgang mit solchen Reaktionen bei uns selber kann nicht nur Reiki z.B. mit der Mentalheilungstechnik sondern evtl. auch Psychotherapie sinnvoll sein.

Ein häufiges Phänomen unter Menschen in sozialen Berufen ist das sogenannte Helfersyndrom. Kurz gesagt ist ein Helfersyndrom das Bedürfnis, anderen genau das zu geben, was man selber schmerzlich vermisst und sich aber dennoch nicht getraut, zuzugestehen und zu nehmen. Oft geht das so weit, dass man sich seiner eigenen Bedürfnisse gar nicht mehr bewusst ist. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn durch das Helfen die eigene Leere mit aufgefüllt werden könnte. Leider ist dies nicht der Fall. Stattdessen erleben wir häufig, dass Menschen mit einem Helfersyndrom weit über die eigenen Kräfte hinaus für andere da sind und sich dabei nicht nur völlig selbst verausgaben, sondern auch unangemessen stark und selbstschädigend mitleiden. Dieses Mitleiden kann ebenfalls Ursache des Gefühls sein, negative Energien des Klienten aufgenommen zu haben und stammt doch tatsächlich von uns selber.

In der Arbeit am Menschen ist es sehr wichtig, dass wir lernen, zwischen Mitleid und Mitgefühl zu unterscheiden. Der Unterschied liegt in der Art, wie wir das Leid des Anderen betrachten. Machen wir es uns zu eigen und nehmen wir die gleiche Position wie die des Leidenden ein, so haben wir uns wahrhaftig zum Mit-Leidenden gemacht: Wir finden uns wieder in der Position des Hilfesuchenden, der allein nicht mehr weiter wusste. Gelingt es uns aber, sehr wohl das Leid des Anderen zu sehen und auch mit ihm mitzuschwingen, gleichzeitig aber in der Rolle des Beobachters zu bleiben, der in etwas Stärkerem als dem Leid verankert ist, dann (und nur dann!) sind wir in der Lage, tatsächlich hilfreich zu sein. Als Reikipraktizierende ist es also unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass wir so sehr in Reiki verankert sind, dass uns Mitgefühl gelingt. Dies wird um so leichter, je besser wir das Leid in unserem eigenen Leben bearbeiten konnten.

Bei manchen unserer Klienten erleben wir, dass diese konkrete Lebensratschläge und Handlungsrichtlinien von uns wünschen. Gelegentlich wird es geschehen, dass wir uns bei dem Versuch ertappen, diesem Ansinnen über das übliche Maß im Sinne von allgemeinen Ratschlägen hinaus nachzukommen. Erscheint es doch von außen oft viel klarer, wo das Problem liegt. Wenn dies geschieht , sollten wir innehalten und überlegen: Ist es das, was dem Klienten wirklich hilft? Kann ich wirklich wissen, was das Beste für ihn ist? Wäre es nicht besser für ihn, selber herauszufinden, was ihm hilft? Hat Reiki nicht Freiheit und Entwicklung des Selbst zum Ziel? Wenn wir uns an die Vorbehalte erinnern, die häufig der Psychotherapie gegenüber bestehen, müssen wir uns eingestehen, dass solche Ratschläge durchaus manipulativen und damit einengenden Charakter annehmen kann, so gut gemeint es auch immer sein mag. Hier kann psychologisches Wissen hilfreich für Reikibehandler sein, um besser mit solchen Situationen umzugehen.

Beide Therapieformen arbeiten mit menschlicher Zuwendung. Der Klient wird immer registrieren, in welcher Art der Therapeut mit ihm umgeht und unbewusst auch darauf reagieren. Wir haben gehört, dass einfühlendes Verstehen, Wertschätzung und Echtheit wichtige Charakteristika der Psychotherapie sind. Sehr vereinfacht funktioniert Psychotherapie so, dass der Therapeut dem Patienten durch eine solche wertschätzende Annahme ermöglicht, selber zu entdecken, wer er ist und was er wirklich will. Auch ohne tatsächlich Psychotherapie zu machen können wir uns als Reikipraktizierende eine solche Haltung angewöhnen. Eine auf diese Weise entstandene Entwicklung ist für den Klienten wesentlich wertvoller, da sie einerseits aus ihm selber stammt und andererseits die Gefahr der Abhängigkeit vom Therapeuten deutlich vermindert.

Gelegentlich kommt es während der Behandlung oder aber auch bei einer Einweihung zu heftigen Reaktionen in Form von Hyperventilation (schnellem tiefen Atmen), Weinen oder anderen heftigen Gefühlen. Hat man mit solchen Zuständen keine Erfahrung, so kann es leicht passieren, dass man ängstlich wird und es nicht gelingt, den Klienten auf heilsame Art durch diesen Zustand zu begleiten.

Wahrscheinlich ist es so, dass die meisten Menschen intuitiv erfassen, wie tief sie sich auf einen solchen Prozess einlassen können, d.h. wie viel sie dem Therapeuten zumuten können. Dennoch sollten wir wissen, wie wir mit solch heftigen Reaktionen umgehen können. Am wichtigsten ist es in einer solchen Situation, weiterhin Ruhe und Gelassenheit auszustrahlen. Wenn wir wissen, dass solche Ausbrüche Ausdruck der Reinigung und damit der Heilung sind, wird uns das leichter gelingen. Es ist auf jeden Fall hilfreich, mit der Gabe von Reiki fortzufahren. Dadurch und durch den Körperkontakt erfährt der Patient in der Regel die Unterstützung, die er in einem solchen Moment braucht. Anders kann es sein, wenn Gefühle des Bedrohtseins oder Erinnerungen an Gewalterfahrungen reaktiviert worden sind. Dann wird es notwendig sein, sehr feinfühlig zu erspüren, ob es nicht vielleicht nötig ist, mit einigen Zentimetern Abstand Reiki zu geben. Häufig sind das Herzchakra und die Nieren die Stellen, an denen Reiki jetzt besonders gebraucht wird. Dies kann auch vom Rücken aus geschehen. Wenn man Erfahrung mit Atemarbeit hat, kann es sehr hilfreich sein, den Klienten damit in seinem Prozess zu unterstützen.

Bei der Begleitung solch intensiver Gefühle wird es schwer, allein über den gesunden Menschenverstand das richtige Verhalten zu ermitteln. Hier ist Erfahrung und die Arbeit an der eigenen Weiterentwicklung Voraussetzung dafür, das dies gut gelingt. Je nach persönlichem Entwicklungsstand wird es daher evtl. nötig sein, einen Patienten an einen psychotherapeutisch qualifizierten Behandler weiter zu vermitteln. Als Reikipraktizierende können wir aber auch selber etwas tun, um Blockaden oder alte und überkommene Verhaltensmuster bei uns aufzulösen. Dazu eignet sich natürlich Reiki und hier ganz besonders die Mentalheilungstechnik. Es kann aber schwierig werden, die eigenen Problempunkte genau zu erkennen, weil sie für uns über die Jahre hinweg selbstverständlich geworden sind. Dann kann Hilfe von außen – evtl. auch in Form von Psychotherapie – ein geeigneter Weg sein, um noch besser in der Lage zu sein, hinter Reiki zurückzutreten und dieser wunderbaren Kraft noch größeren Raum in unserem Leben und unserer therapeutischen Arbeit zu geben.

© Dr. med. Christiane Gießbach, erschienen im Reiki-Magazin 3/2007